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Krone

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Artikel


Der neue Merker schreibt in seiner Online-Ausgabe:

NĂ– THEATERFEST / Nestroy auf Liechtenstein:
DER TALISMAN von Johann Nestroy
17. Juli 2008, Premiere, besucht wurde die Generalprobe

Wetterglück ist diesen Sommer offenbar eine Rarität - auch Nestroy musste auf Liechtenstein zur Premiere in das "Trockenquartier" ausweichen, was aber dem Erfolg des Abends keinen Abbruch tat. Die unten stehende Kritik wurde nach der Generalprobe bei idealen Verhältnissen im Freien geschrieben...

Warum ist und bleibt "Der Talisman" das wohl beste Stück von Johann Nestroy? Weil seine gesellschaftliche Relevanz sich vermutlich nie ändern wird. Immer wird sich die Gesellschaft ihre Außenseiter suchen: Bei Nestroy ist es der "rotkopferte" Titus Feuerfuchs, aber das ist austauschbar. Wenn diese aus welchen Gründen auch immer "ausgeschlossenen" Menschen, unter Vorwänden stigmatisiert und für minderwertig erklärt, sich dennoch erfolgreich in die Umwelt integrieren wollen, müssen sie es unter Aufgabe ihrer Eigenheit tun, so wie Titus sich unter schwarzen, blonden und grauen Perücken versteckt, um sich der Allgemeinheit anzugleichen. Nur so kann er die Akzeptanz erzielen, die ihm aufgrund seiner geistigen Voraussetzungen absolut zusteht - wobei Nestroy ihm auch noch die leider nötige Fähigkeit verleiht, seine Umwelt gewissen- und schamlos zu manipulieren, indem er ihre Schwächen und Eitelkeiten ausnützt. Kurz, ein moderner Karrieretyp, hätte ihm Nestroy nicht noch ein Quentchen Menschlichkeit gelassen, das er den anderen Protagonisten seines Stückes (die rothaarige Salome Pockerl ausgenommen) verweigert- Ja, und dann geschieht das "Wunder": Der entlarvte Außenseiter, dessen Maskierungen alle gefallen sind, schafft es doch noch dank der (laut Nestroy und laut Erfahrung) stärksten Macht auf dieser Erde: Geld. Geld macht die Alten jung, die Hässlichen schön, die Dummen gescheit, die Rothaarigen plötzlich akzeptabel - so ist auch der "Talisman" (wie so viele andere Stücke Nestroy) zusätzlich eine Geschichte der Käuflichkeit- und solcherart voll von besonders hässlichen Erkenntnissen.

Dieser beste, schönste, aber auch meist gespielte aller Nestroys zieht heuer (erstmals übrigens in der langen Geschichte der Nestroyspiele allhier) auf Burg Liechtenstein ein, auf der seit dem Vorjahr neu errichteten Bühne vor der Silhouette der Burg, die gegenüber der alten (im langen, kalten Burggraben) über viele Vorzüge verfügt, seien es die Sichtverhältnisse oder die freundlichere Atmosphäre. Hier lässt Regisseurin Elfriede Ott dem Stück den konventionellen Rahmen und verlegt sich auf die Schauspielerführung. Das Bühnenbild von Claus Homschak ist schön, wenn man vom Dorfplatz in den blumenumwucherten Garten und dann in den Biedermeier-Salon kommt, nur vielleicht eine Spur zu umständlich in der Verwandlung. Die Kostüme von Maria Kappeter finden einen zwanglosen Weg zwischen einst und heute (und manch bissig-witzige Charakterisierung wie den ersten Auftritt der Frau von Cypressenburg im Reitkostüm). Die Musik, von einer Handvoll Musikern unter Frizz Fischer realisiert, ist zwar großteils nicht die alte, aber glücklicherweise keine so störend "neue", wie man sie oft ohrenquälend erlebt hat. Es ist der opulente Rahmen für einen Freilicht-Nestroy.

Dieser wird allerdings nach allen Regeln der Kunst gespielt. Titus Feuerfuchs ist Johannes Seilern, nicht mehr jung, vom Schicksal zweifellos schon stark gezaust, aber von spindeldürrer Beweglichkeit und immer wieder bereit, die Umwelt erneut herauszufordern und sein Glück zu versuchen. Wenn er, der von allen verschmähte Rotkopf, der ebenfalls rothaarigen Salome Pockerl begegnet und - two of a kind - sich hier zwei Schicksalsgenossen erkennen, springt der Funkt von Anfang an über und kann so am Ende auch logisch zum Happyend führen: Denn in den Szenen mit Salome allein zeigt sich, dass dieser Titus viel weniger fies ist, als er sich verhält, und dass sein Verhalten nur eine Reaktion auf die Mitwelt ist und nicht innere Schlechtigkeit. Als Salome gibt es in Gestalt der jungen Barbara Kaudelka eine echte Entdeckung, kein armes Hascherl, sondern ein gescheites Mädel, das um sein Schicksal in jeder Hinsicht - rothaarig und arm! - weiß und nicht wehleidig, sondern wissend resigniert darauf reagiert. Das lässt immer wieder aufhorchen.

Keine Gnade hat Nestroy mit der Gesellschaft walten lassen, die rund um das Schloss der Frau von Cypressenburg residiert, wobei im "Talisman" der seltene Fall eintritt, dass die Frauenrollen stärker sind als die Männerrollen. Drei Frauen - und was für welche! Geradezu rabiat, wie die auch so hervorragend sprachgewaltige Sabine Staudacher ganz köstlich und kraftvoll um ihr Prestige als Gärtnerin kämpft, ist sie doch die Unterste in der Hackordnung (und kann ihrerseits nur auf ihre Untergebenen losgehen). Als Kammerfrau ist Hilke Ruthner die lächerliche Funzen, die zu dem bewährten Allheilmittel greift, ihre Vorgesetzte nachzuahmen (nach dem Motto, dergleichen könne in einer Schleimer- und Schmeichelgesellschaft nicht falsch sein). Und diese Frau von Cypressenburg! Regisseurin Elfriede Ott ist gnadenlos mit der Schauspielerin Elfriede Ott, die diese "Schöngeistin" nach allen Regeln der Kunst ausstellen und preisgeben muss, eine hoch affektierte "lächerliche Preziöse" ohne Rückgrat.

Immerhin hat man die männlichen Nebenrollen selten so stark profiliert gesehen. Goran David ist der "Monsieur Marquis", der als Friseur mit sehenswertem nackten Oberkörper klar macht, was die Kammerfrau an ihm so begehrenswert findet, und im übrigen seinen Anteil an der Intrige des Stücks höchst präsent verwaltet. Ganz neu ist der Bierversilberer Spund hier gesehen, wenn Wilfried Scheutz ihn nicht als ordinären, sondern als eleganten Dummkopf zeichnet, der reiche Mann, der Proletariergewand und Sprache hinter sich gelassen hat - nur die Schlichtheit des Geistes ist ihm ergötzlich geblieben. Und Franz Robert Wagner ist als Plutzerkern ein lauter und obstinater (statt wie meist gespielt: phlegmatischer) Gärtnergehilfe, der sich nicht austricksen lässt.

Die "Ott-Kinder", Mitglieder ihrer Schauspielschule, bekommen viele Aufgaben, von der Jugend auf dem Dorfplatz (die die rothaarige Salome in aller Grausamkeit gewissermaßen nicht "mitspielen" lassen) über die Gärtnergehilfen am Schloss (fest entschlossen, jedem Neuling das Leben schwer zu machen) bis zur "feinen" Gesellschaft bei Frau von Cypressenburg (die nicht von ungefähr an die "Bussi-Bussi"-Herrschaften der "Seitenblicke" erinnern). Einige (als Diener, als Tochter) haben sogar "solistische" Aufgaben, deren Möglichkeiten sie witzig ausschöpfen.

"Der Talisman" ist ein Klassiker und im deutschen Sprachraum ununterbrochen auf und ab gespielt. Dass eine Aufführung immer noch neue Details in den Figuren finden kann, macht dieser Produktion Ehre.

Renate Wagner

Bis 17. August 2008 jeden Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag um 20 Uhr.